Selbst Grippe-Impfstoff für Gefährdete fehlt

Gesundheit Das Medikament für den schützenden Pikser gibt's derzeit nur kleckerweise – Problem liegt im Gesundheitssystem

Kreis Neuwied. Wer derzeit im Kreis nach Grippe-Impfstoff fragt, hat schlechte Karten. Der Grund: Es gibt kaum welchen.

Apotheken und Ärzte erhalten ihn zurzeit – wenn überhaupt – kleckerweise in kleinen Mengen von 10 bis 80 Dosen. Teilweise können nicht einmal mehr die Empfehlungen, die die ständige Impfkommission (Stiko) deutschlandweit herausgibt, eingehalten werden. „Die Lage ist desolat“, schimpft Jürgen Brüggemann, Apotheker aus Neuwied und Vorstandsmitglied im Apothekerverband Rheinland-Pfalz. „Gerade habe ich meine letzte Dosis an ein älteres Ehepaar herausgegeben und musste entscheiden, wer der beiden gefährdeter ist. Dabei sollen sich alle über 60 impfen lassen.“

Für die Knappheit gibt es mehrere Gründe. So wurden im Oktober große Chargen eines Impfstoffs der Firma Novartis, einem der größten Hersteller von Grippeimpfstoff, wegen des Verdachts auf Verunreinigungen zurückgerufen. „Die Bedenken stellten sich zwar als unbegründet heraus“, sagt Brüggemann. „Die zurückgerufenen Dosen fehlen am Markt natürlich trotzdem. Es ist ein Armutszeugnis für Deutschland, dass es gelungen ist, eine Impfstoffknappheit künstlich zu erzeugen.“

Was Brüggemann meint, wird deutlich, wenn die Impfstoffknappheit in den deutschlandweiten Zusammenhang gestellt wird: „In manchen Bundesländern haben die Kassen exklusive Verträge mit den Herstellern abgeschlossen“, erläutert Dr. Anja Meurer von der Kreisärzteschaft Neuwied. „Die werden dann von den Herstellern bevorzugt beliefert.“ „Solche Verträge von Novartis existieren zum Beispiel in Bayern und Schleswig-Holstein“, sagt Bernhard Pohlmann, stellvertretender Landesvorsitzender des Landesapothekerverbandes. „Durch den Ausfall großer Mengen des Impfstoffs von Novartis gab es dort einen Notstand. Die nicht betroffenen Länder sprangen ein und gaben einen Teil ihrer Vorräte ab, sodass wenigstens die besonders Gefährdeten wie chronisch Kranke oder alte Menschen geimpft werden konnten.“ In Rheinland-Pfalz gibt es laut Kassenärztlicher Vereinigung solche Verträge nicht. Die Exklusivverträge ziehen laut Pohlmann einen weiteren Effekt nach sich: Andere Hersteller haben die teure Impfstoffproduktion wegen der großen Konkurrenz und Absatzschwierigkeiten heruntergefahren.

Ein weiteres Problem: Ärzte und Apotheker im Kreis haben weniger Impfstoff bestellt. Der Grund: „Für zu viel bestellten Impfstoff wurden Ärzte in der Vergangenheit in Regress genommen“, erklärt Monika Bungert, Pressesprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Rheinland-Pfalz (KV). Inzwischen sei das Problem aber durch eine Neuregelung entschärft.

„Eine Impfung ist für jene wichtig, die besonders gefährdet sind: chronisch Kranke, Kinder, Schwangere und Ältere“, sagt Dr. Anja Meurer. Und sie relativiert: „Für Gesunde ist eine Impfung kein Allheilsbringer. Lassen Sie es mich mit einem Beispiel aus dem Straßenverkehr sagen: Durch eine Impfung schützen Sie sich vor dem blauen Auto von rechts. Vor dem Lkw von vorn oder dem Roller von links sind Sie nicht geschützt. Es gibt unendlich viele Grippe- und Erkältungsviren.“ Der stellvertretende Vorsitzende der KV, Dr. Peter Heinz, sieht keine akute Gefahr: „Erstens gibt es momentan keine Pandemie im Land, und zweitens ist kein neuer Virus bekannt. Dadurch können wir auch mal ein bis zwei Wochen auf Iden mpfstoff warten.“

RZ Linz, Neuwied vom Dienstag, 27. November 2012, Seite 15