Als die Milane eine Welt aus Kastanien bauten

Nach einem fröhlichen Bastelabend: Stolz präsentieren die Grundschüler ihre selbst gebastelten Figuren. Foto: Sandra Elgaß Jugend Zu Gast bei den jüngsten Gladbacher Pfadfindern

Neuwied. Warmes Licht fällt am Mittwochabend aus der breiten Fensterfront des Stammsitzes der Gladbacher Pfadfinder auf den Hof vor dem Heim.

Dort trifft es auf ein quirliges Sammelsurium von allem, was Räder hat: Ein Skateboard lehnt sich gegen ein rosafarbenes Rad, das mit zehn weiteren im bunten Kreis ein Knäuel von kreuz und quer fallen gelassenen Rollern beschützt. Aus dem hell erleuchteten Treppenhaus beschallt kräftiger Kindergesang die Szene: Die jüngsten Pfadfinder der Gladbacher Pfadfinderschaft St. Georg, die Milane, haben gerade Gruppenstunde.

Gegründet wurden die Milane im August 2011, weil die Nachfrage von Grundschülern hoch war. Seither organisieren die Gruppenleiter Alena Nalbach, Isabell Grass und Marvin Welter immer für mittwochs eine Stunde Programm. Dabei geht es nicht nur um Spaß: „Klar sollen sie sich auf die Zeit freuen – aber auch lernen, sozial zu sein, und auf Mitmenschen und Umwelt zu achten“, sagt Nalbach.

Heute basteln die Milane Figuren aus den Kastanien, die sie eine Woche zuvor gesammelt haben. Weil heute fast alle gekommen sind, haben sich Grass und Nalbach zur Unterstützung zwei weitere, ältere Pfadfinder geholt. Denn die 24 Kinder sitzen bereits um den großen Tisch herum und verlangen lautstark Zahnstocher und Streichhölzer.

Einer der beiden Männer verschafft sich Gehör und erklärt schnell, wie es geht: Mit den Zahnstochern Löcher bohren, mit den Streichhölzern verbinden oder Gliedmaßen anstecken. Schon legen die Milane los: Bald krabbeln streichholzbeinige Spinnen über den Tisch, treffen dabei langhalsige Giraffen, Außerirdische mit Antennen oder Krebse mit großen Scheren und kommen an Eiffeltürmen, Hochhäusern und klumpfüßigen Fußballmannschaften vorbei.

„Ooooh, wie kriegt man das bloß hin!“, ruft es aus der hinteren Ecke. „Guck mal, ich hab was Komisches gebastelt!“, tönt es vom anderen Ende des Raumes. Während so immer mehr Bewohner „Kastaniens“ den Gruppenraum bevölkern, stimmen die Milane immer wieder Lieder an und erzählen darin zum Beispiel das Erlebnis eines Heiligen mit einem Colaautomaten: „Sankt Martin, Sa-hankt Martin, Sankt Martin ritt durch Pommes und Salat / sein Ross blieb steh'n vor'm Cola-Automat. / Sankt Martin warf die Münze ein / und trank die Cola ganz allein.“
„Aber ihr wisst doch auch, wie der Text richtig geht?“, fragt Alena Nalbach ihre Milane.

Die befinden: „Ja, aber der ist stinklangweilig“, und sie stimmen ihn dann wie zum Beweis an – und noch lauter. Zum Abschluss schnappt sich ein Betreuer eine Gitarre. Noch während die Liederbücher verteilt werden, lassen die Milane ihren Lager-Boogie erschallen. Dann wünschen sie sich „die Kokosnuss“: „Und die Affenbande brüllt: / Wer hat die Kokosnuss geklaaaaaut?“ Doch egal, wie laut die Affenbande brüllt, die Milane, das wird deutlich, die können das lauter.

RZ Linz, Neuwied vom Freitag, 9. November 2012, Seite 19