Mission possible: Ein Fall für Kimba und Kai (Themenseite)

Kai und Kimba kurz vor dem Start der Mission - dieser Moment gehört nur den beiden. Foto: Sascha DitscherEinsatz Personenspürhunde übten mit mit ihren Diensthundeführern in Freirachdorf für den Ernstfall

Freirachdorf. Kimba streckt seine braunschwarze Nase nach oben. Er hockt zwischen den Beinen seines Herrchens, Diensthundeführer Kai Fischbach. Der beugt sich zu Kimba hinunter. Ihre Nasenspitzen berühren sich fast.

Wenn die rheinland-pfälzischen Schnüffler angefordert werden, geht es oft mit dem Hubschrauber am schnellsten zum Einsatzort – deshalb wird bei Übungen auch der Flug im Helikopter ausgiebig geübt. Alle Fotos: Sascha Ditscher Dann greift Fischbach vorsichtig mit beiden Händen vorne um die Schnauze seines Hundes und streichelt den Rüden langsam und zärtlich über die Lefzen nach hinten bis zu den Ohren. Einmal, zweimal. Der Hund, der noch vor ein paar Minuten wie ein normaler, neugieriger Vierbeiner aufgeregt die Straße in Freirachdorf inspizierte, sitzt dabei ganz still. Nur sein Kopf bewegt sich, er drückt ihn den Händen seines Herrchens entgegen. Der Moment scheint nur Kimba und Kai Fischbach zu gehören. Mit diesem Ritual beginnt ihr Arbeitseinsatz.

Ein eingespieltes Team
Fischbach und Kimba sind eines von drei ganz speziellen Teams in der Diensthundestaffel Rheinland-Pfalz. Zwei Jahre dauerte Kimbas Ausbildung, die er mit acht Wochen zusammen mit Kai Fischbach 2007 begann. Inzwischen ist der fünfjährige Rüde ausgebildeter Mantrailer, zu deutsch: Personenspürhund, im Dienst der Polizei Rheinland-Pfalz. Er und seine beiden tierischen Kollegen, Paul und Elvis, sind bayrische Gebirgsschweißhunde, eine Jagdhundrasse, deren Naturell bei der Personensuche ausgenutzt wird. Denn das Aufspüren und Abarbeiten einer Fährte ist für sie ein Erfolgserlebnis, das durch das Lob der Herrchen und das ein oder andere Stückchen Wurst verstärkt wird.

Heute proben Kimba, Paul und Elvis den Ernstfall in Freirachdorf. Ist Kimba erfolgreich, wird er belohnt – mit Lob, Leberwurststückchen und einem kleinen Dackel, der quietscht, wenn Kimba draufbeißt. Damit spielt er auch zu Hause bei Fischbachs besonders gern. Dort ist er ein ganz normaler Familienhund. Doch heute heißt es: Arbeiten.
Die Aufgabe, die Kimba dieses Mal gestellt wird, ist knifflig. Schon am Vortag wurden Übungsfährten von fünf Freiwilligen aus Freirachdorf gelegt. Sie sind dazu einen 500 bis 700 Meter langen Weg durch das 650-Seelen-Dorf in der VG Selters spaziert.

An der langen Leine verfolgt Kimba die Fährte seiner Zielperson bei der Übung in Freirachdorf. Hund und Herrchen sind sehr konzentriert.Heute, am Übungstag, stehen sie am Ende der Fährte mit Leckerlis bereit, als Belohnung sozusagen. Die Schwierigkeit dabei: „Die Hunde müssen eine Person aus ihrem Umfeld heraus verfolgen. Diese Menschen bewegen sich hier ständig, hinterlassen also tagtäglich jede Menge Fährten. Kimbas Aufgabe ist es aber, die Frischeste zu finden“, erklärt Fischbach. Ein Szenario, das genauso schwierig wie realistisch ist, denn oft werden Verbrechen von Angehörigen begangen – an Tatorten, an denen sie sich auch schon oft aufgehalten haben.

Endlich! Der vermeintlich Vermisste ist gefunden. Und siehe da, er hat sogar das Lieblingsspielzeug dabei. Eine tolle Belohnung.Nachdem er Kimba das Arbeitsgeschirr angelegt hat, nimmt Fischbach eine Plastiktüte mit einem Kleidungsstück der Person zur Hand, die der Hund heute finden soll. Fischbach beugt sich zu Kimba hinunter, öffnet die Tüte und stülpt sie blitzschnell fast bis über den ganzen Kopf des Tieres. Eine Sekunde, das reicht. Der Rüde bleibt dabei ganz gelassen. Dann gibt Fischbach das Kommando: „Such!“ Kimba springt auf und beschnüffelt aufgeregt und scheinbar ziellos die Umgebung rundherum. Und dann geht alles ganz schnell: Plötzlich hält Kimba für den Bruchteil einer Sekunde inne, streckt seine Nase in die Luft, der Körper des Rüden spannt sich an – und dann stürmen Hund und Halter im Laufschritt in eine Richtung davon.

Im Laufschritt zickzack durchs Dorf
Zwei Kollegen laufen mit und sichern den Verkehr ab. Der Diensthundeführer lässt die Leine locker, sodass Kimba den Weg bestimmen kann. Im Zickzack geht es die Straße hinunter, über kleine Feldwege und Rasenstücke, in Höfe und Straßenmündungen, manchmal wieder zurück und in die entgegengesetzte Richtung. Fischbachs Gesichtszüge bleiben die ganze Zeit angespannt. Er lässt Kimba keine Sekunde aus den Augen. „Wenn wir im Einsatz sind, rennen wir ja nicht nur hinterher“, erklärt der Fischbach. „Wir sind hoch konzentriert. Als Hundeführer muss ich jede Nuance in der Körpersprache meines Hundes wahrnehmen. Und wir arbeiten schon fünf Jahre intensiv zusammen: Da lernt man sich gut kennen.“

Dann, hinter einer Biegung, entdeckt Kimba die gesuchte Person. Freudig springt er an ihr hoch und erhält sein verdientes Leberwurststückchen. Auch Kimbas Lieblings-Hundespielzeug hat der ehemalige „Vermisste“ dabei. Das ist für Kimba das Signal: Mission erfolgreich. Während die Beamten und Kimba mit ihrem Hundespielzeug im Maul auf dem Weg zurück zum Dienstwagen um eine Ecke verschwinden, ist noch ein wenig länger ein zufriedenes Quietschen zu hören.

Fakten: Personenspürhunde

  • Für die Arbeit als Personenspürhunde (PSH) sind Hunde der Rassen Bloodhound, Schwarzwälder Schweißhund, Hannoverscher Schweißhund, Malinois und Bayrischer Gebirgsschweißhund aufgrund ihrer Ausdauer und ihres ausgeprägten Spieltriebs besonders geeignet.
  • Die Ausbildung eines PSH beginnt im Alter von 8 Wochen und dauert zwei Jahre. Er lebt als Zweithund mit seinem Diensthundeführer und seiner Familie zusammen. Er wird nicht zusätzlich zum Schutzhund ausgebildet.
  • PSH werden bei Vermisstensuchen, Tatortuntersuchungen und Entführungen eingesetzt.
  • Der PSH verfolgt ältere und schwierige Spuren auf allen erdenklichen Bodenuntergründen mit vergleichsweise guten Erfolgsaussichten. Die Ergebnisse aus einem PSH-Einsatz werden vor Gericht als Indiz gewertet.
  • Der PSH verfolgt eine individuelle Geruchsspur eines Menschen und benötigt dafür eine eindeutige „Riechprobe“. Wichtig ist, dass nur der Gesuchte damit in Berührung gekommen ist. Der Einsatzerfolg hängt von zahlreichen Faktoren ab, unter anderem vom Wetter.

Vier ganz spezielle Schnüffler

Modellprojekt Seit 2009 arbeiten Kimba, Paul und Elvis für die Polizei Rheinland-Pfalz

Die drei Personenspürhunde (PSH) Paul, Elvis und Kimba wurden von der Polizei Rheinland-Pfalz von 2007 bis 2009 im Rahmen eines Modellprojekts an den Standorten Mainz, Trier und Koblenz ausgebildet. Ein weiterer PSH befindet sich noch in Ausbildung. Personenspürhunde sind reine Spezialhunde und arbeiten völlig anders als die etwa 130 Schutz- und Fährtenhunde (SFH) der Polizei in Rheinland-Pfalz. Diese verfolgen eine „anonyme“ Spur. Dabei riechen sie die Stoffe aus Zerfallsprozessen, die entstehen, wenn organische Bestandteile des Bodens zum Beispiel durch einen Menschen, der darübergeht, verletzt werden. Daraus folgt: Auf festen, nicht-organischen Untergründen wie Beton sind sie nicht einsatzfähig.

Dagegen orientiert sich der Personenspürhund am individuellen Körpergeruch einer bestimmten Zielperson. Folglich brauchen sie auch eine Riechprobe, bevor sie eine Fährte verfolgen können. Diensthundeführer Kai Fischbach und sein Mantrailer Kimba haben in ihrer Dienstzeit schon über 100 Einsätze absolviert, die meisten in Rheinland-Pfalz. Aber auch Hessen, das Saarland und Nordrhein-Westfalen haben die rheinland-pfälzischen Schnüffler schon angefordert. Bei den Einsätzen geht es oft um vermisste Kinder, Senioren oder verwirrte und behinderte Menschen. Aber auch die Fahndung nach Straftätern, das Nachvollziehen von Fluchtwegen oder Vorgängen an Tatorten oder Einsätze bei Entführungen gehören zu Kimbas und Fischbachs Job. Auch beim Doppelmord in Horchheim waren die PSH im Einsatz. Damit Kimba den sogenannten „Finderwillen“ behält, muss er regelmäßig trainieren und Erfolgserlebnisse haben. Circa einmal die Woche kommen die vier rheinland-pfälzischen Spürnasen zu einem Tagestraining zusammen – wie in Freirachdorf wird dabei versucht, möglichst viele denkbare Einsatzszenarien durchzuspielen.

Gerade wenn die rheinland-pfälzischen Mantrailer bundesweit angefordert werden, muss es meist schnell gehen. Dann ist der Hubschrauber das Transportmittel der Wahl. Auch damit müssen Hund und Halter routiniert umgehen. Deshalb landete bei der Übung in Freirachdorf auch ein Polizeihubschrauber auf dem Sportplatz, der mit jedem Team einen kurzen Flug absolvierte, bevor sie per Dienstauto zum Ausgangspunkt der jeweiligen Übungsfährte gebracht wurden.

In ihrer „Freizeit“ leben Kimba, Elvis und Paul als Zweithunde mit ihren Herrchen zusammen. „Sie sind in ihrer Freizeit ganz normale Familienhunde“, sagt Fischbach. Und natürlich hat jeder Hund seinen eigenen Charakter: „Während Kimba immer recht quirlig ist, ist Paul eher gemächlich“, verrät Peter Kiemes, Pauls Herrchen, bei der Übung in Freirachdorf mit einem Augenzwinkern. „Der ist er eher ein Beamtentyp.“

Rhein-Zeitung vom Montag, 15. Oktober 2012, Seite 17