Angst vor Kunden: Ton im Jobcenter rauer

Soziales Sicherheit in der Behörde ist jetzt Chefsache – Oft Konflikte zwischen Hartz-IV-Empfängern und Mitarbeitern

Kreis Neuwied. Die Bluttat im Jobcenter in Neuss und Hetze über die Mitarbeiter im Internet: Das sorgt im Jobcenter in Neuwied für Unbehagen. Die Folge: Das Sicherheitskonzept wurde vor Kurzem um einen ausgefeilten Teil zum Gefahrenschutz bei Konflikten mit Kunden ergänzt.

Durch eine Begehung der Behörde mit der Polizei will Jobcenterchef Alois Müller Gefahrenquellen – zum Beispiel Gegenstände, die als Waffe benutzt werden können – beseitigen. Die Außenstellen im Kreis öffnen nur, wenn mindestens zwei Mitarbeiter vor Ort sind. Außerdem hat Müller das Beschwerdemanagement zur Chefsache erklärt. Denn die Bilanz allein der letzten zwei Monate lautet: drei Hausverbote und ein Gerichtsverfahren vor dem Amtsgericht Neuwied wegen Beleidigung, das mit einem Schuldspruch endete.

„Vor allem die Jüngeren nehmen uns gegenüber öfter eine fordernde Anspruchshaltung ein. Wir werden häufiger von Kunden bedroht. Etwa zwei Mal die Woche drückt ein Mitarbeiter deshalb den Alarmknopf“, sagt Müller. „In Zahlen ist das aber nicht zu erfassen. Die Anzahl der schriftlichen Beschwerden geht eher zurück.“ Durchschnittlich gibt es laut Müller etwa drei bis vier Beschwerden monatlich. Die beziehen sich dann auf fehlende oder zu niedrige Sozialleistungen und auf das Verhalten der Berater.

Auf einer Internetseite, die ein Bewertungsforum für die einzelnen Jobcenter betreibt, sind laut Betreiber in drei Jahren etwa 81 anonyme Kommentare zur Neuwieder Behörde zusammengekommen. Die meisten stellen dem Jobcenter dort ein schlechtes Zeugnis aus. Allerdings werden die Kommentare lediglich auf strafrechtlich relevante Inhalte geprüft. Eine Überprüfung der Absender findet nicht statt.

„Die Sachbearbeiter benutzen Hartz-IV-Empfänger als Fußabtreter“, schreibt dort ein Nutzer. Ein anderer: „Es ist schwierig, ein pauschales Urteil abzugeben, da es auch positive Ausnahmen in Form von freundlichen und kompetenten Mitarbeitern gibt. Aber insgesamt stellt sich die Lage in Neuwied so dar: inkompetente, unfreundliche, teilweise arrogante Mitarbeiter, die rechtliche Vorschriften teilweise eigenmächtig bewusst falsch auslegen.“ Ein öfter vorgebrachter Vorwurf ist der häufige Wechsel der Betreuer. Von den 81 Kommentatoren äußern sich nur neun in Teilen oder ganz positiv.

„Im vorigen Jahr hatten wir fünf Kolleginnen, die Nachwuchs bekommen haben und deshalb ausgetauscht wurden. Drei weitere sind der Liebe wegen umgezogen. Beraterwechsel gibt es also im Einzelfall. Deshalb dokumentieren wir alle Beratungen mit den Kunden nachlesbar elektronisch und in Akten“, entgegnet dem Müller. „Das Gesetz schreibt außerdem vor, dass wir bei den wirtschaftlichen Verhältnissen der Kunden genau fragen müssen – immerhin bekommen sie Steuergeld. Dass man sich da schon mal als Bittsteller fühlt, kann ich nachvollziehen“, räumt Müller ein. Aber die Vorwürfe entbehrten oft jeglicher Grundlage, und die Beschäftigung mit Klischees zermürbe schon. „Unsere Kundenbefragung hat uns die Gesamtnote 2,6 bescheinigt. Und auch dankbare Gesten und positive Rückmeldungen erreichen uns.“

„Der Ton ist rauer geworden“, meint auch Hermann Vomberg aus Neuwied. „Die Betroffenen fühlen sich von oben herab behandelt.“ Mit seinem im November 2012 gegründeten Verein „Gemeinnützige Initiative Lebenswert“ will er sie besser über ihre Rechte informieren. „Und ich kann mich vor Arbeit gar nicht retten“, sagt er. Der 60-Jährige war nach einem Herzinfarkt 2005 selbst Hartz-IV-Empfänger in Neuwied. Circa 40 Menschen im Monat suchen laut Vomberg bei ihm Rat. „Nur vier bis fünf Prozent davon sind wirklich Drückeberger“, betont er.
Im Jobcenter sind Vomberg und sein Internetauftritt deshalb schon bekannt. Vor einem Jahr gab es einen Mailwechsel zwischen ihm und dem Jobcenterchef, der der RZ vorliegt. Darin wirft Müller Vomberg vor, seine Mitarbeiter als Gegner zu betrachten, statt zu sehen, dass diese „bestrebt sind zu helfen.“ Das wies Vomberg in seiner Antwort zurück: „Für mich wäre eine für beide Seiten zufriedenstellende Zusammenarbeit viel erfreulicher.“ Das Wort „Machenschaften“ in Bezug auf das Neuwieder Jobcenter hat er auf Müllers Reaktion hin aus dem Netz genommen. Müller sagt dazu heute: „Jedes zusätzliche Beratungsangebot ist uns willkommen.“

RZ Linz, Neuwied vom Samstag, 15. Dezember 2012, Seite 9