Schmähvideo: Jeder sollte sich im Netz distanzieren (Kommentar)

Gewalt Extremisten auf beiden Seiten mit den eigenen Waffen schlagen

Berlin. Die Gewalt gegen die westlichen Botschaften in islamisch geprägten Ländern, die wir im Moment erleben, ist scharf zu verurteilen. Diplomaten und Botschaften, die Speerspitzen der gewaltfreien Außenpolitik, sind unantastbar und müssen es bleiben. Das müssen wir den Menschen dort unmissverständlich klarmachen und jene hart bestrafen, die sich nicht daran halten. Gleichzeitig dürfen wir die Gewalt nicht weiter schüren. Doch wie stellt man das an? Ein Blick auf die Dynamik der jüngsten Eskalationen könnte zumindest eine Teilstrategie offenbaren.

Vielleicht können wir dann Extremisten auf beiden Seiten, denen es tatsächlich darum geht, uns voneinander zu entfremden und gegeneinander aufzuhetzen, mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Schaut man sich die Eskalationen der jüngsten Zeit genauer an, wiederholt sich hier doch die Geschichte immer wieder: In denjenigen Teilen der Erde, in denen Meinungsfreiheit ein hohes Gut ist, entstehen Videos, Karikaturen, Texte, die (religiöse) Gefühle, in diesem Fall jene der Muslime, verletzen. Über das Internet werden sie verbreitet.

Es ist schon erstaunlich: Eine Karikatur in einer dänischen Zeitung löst Proteste in der ganzen islamischen Welt aus. Ein Video, das in den USA billig produziert wurde, erhält durch einzelne Multiplikatoren, die Gleichgesinnte um sich scharen, weltweit mediale Aufmerksamkeit. Und das führt dann dazu, dass ein aufgebrachter Mob die amerikanische Botschaft in Libyen stürmt und dabei sogar ein verdienter Diplomat ums Leben kommt. Eine Tragödie.

Der ganze Prozess aber basiert auf gegenseitigem Unverständnis. Wir, Mitglieder einer freiheitlich orientierten Gesellschaft, können nicht verstehen, wie ein idiotisches Schundvideo den Zorn gegen ganze Länder, gegen ganze Lebensentwürfe auslöst. Für uns ist klar: Die Mehrheit steht nicht hinter diesen Provokationen. Das wiederum verstehen die Menschen in den islamisch geprägten Gesellschaften vielleicht nicht – sie sind es nicht gewohnt, dass so etwas ohne die Billigung der Autoritäten verbreitet werden darf. Weil sie meist in einem autoritären Klima aufgewachsen und geprägt worden sind, kennen sie diese Nebenwirkungen der Meinungsfreiheit nicht. Und gehen also davon aus, dass die betreffenden Staaten und ihre Gesellschaften hinter den Ansichten der Abweichler stehen.

Vielleicht liegt hier die Lösung: Die angegriffenen Staaten müssen deeskalierend wirken, indem ihre Regierungen klar Stellung beziehen. Und warum dabei nicht gleich auf jenen Mechanismus zurückgreifen, den auch die Extremisten nutzen, und diese Botschaft aggressiv in die neuen Medien platzieren: mithilfe von YouTube, Twitter, Blogs und Facebook, die ja maßgeblich auch den sogenannten Arabischen Frühling mit ausgelöst haben? Haben nicht Videos wie jenes einer von Scharfschützen tödlich getroffenen jungen Frau im Iran oder des Mannes, der sich aus Protest gegen ein autoritäres Regime verbrannt hat, dazu geführt, dass die Menschen sich rührten? Protestierten. Widerstand leisteten.

Eines ist klar: Die digitalen Kanäle zu sperren, so wie es die Regierung in Afghanistan jetzt mit YouTube in ihrem Land tut, kann und darf nur eine kurzfristige Maßnahme sein, um zu verhindern, dass der umstrittene Schmähfilm weiterverbreitet wird.

Und nicht nur Regierungen sind gefragt: Jeder Einzelne kann und soll sich öffentlich im Netz von dem Film distanzieren und die schweigende Mehrheit verlassen – wir und unsere Regierungen sollten das Mitmachnetz, dessen Möglichkeiten heute so leicht zu Tragödien führen, nicht komplett den Extremisten und Provokateuren überlassen. Einen Versuch wäre es doch wert. Wir müssen auf die Menschen zugehen.

Rhein-Zeitung vom Dienstag, 18. September 2012, Seite 2