„Digitale Demenz“: Klicken wir uns doof?

Nach dem Auftritt Manfred Spitzers bei Günther Jauch zerpflückte die Netzgemeinde seine Thesen. Neue Medien Hirnforscher provoziert in Talksendung mit streitbaren Thesen

Berlin. Ein neues Gespenst geht um. Es heißt „digitale Demenz“ und schreckte nicht nur die 4,21 Millionen ARD-Zuschauer auf, die am Sonntag „Günther Jauch“ einschalteten, sondern versetzte auch diejenigen in helle Aufregung, die laut eines Ulmer Professors davon betroffen sind: Menschen, die Neue Medien schon lange ausgiebig nutzen.

So wunderte es nicht, dass der Auftritt Manfred Spitzers, Professor für Psychiatrie und seit 1998 Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, auch im Netz hohe Wellen schlug.

Doch worum ging es in der Diskussion? „Digitale Demenz“ ist der Titel eines Sachbuchs von Manfred Spitzer, das momentan auf Platz eins der „Spiegel“-Sachbuch-Bestsellerliste steht. In dem Buch warnt der Psychiater eindringlich vor den Auswirkungen der ausgiebigen Nutzung des Computers und Neuer Medien auf das Gehirn des Menschen.

Der Begriff „digitale Demenz“ ist allerdings kein medizinischer Fachbegriff, sondern beschreibt vielmehr ein Symptom gesellschaftlicher Veränderung, das durch eine im Magazin „Science“ 2011 veröffentlichten Studie belegt wird, und das Spitzer für gefährlich hält: In Zeiten digitaler Speicher und der schnellen Verfügbarkeit von Wissen im Internet verlassen sich die Menschen laut Studie zunehmend auf Suchmaschinen im Internet, anstatt sich Fakten zu merken. Stattdessen merken sie sich eher, wo man die Antworten findet.

Spitzer versucht darauf aufbauend zu belegen, dass die zunehmende Nutzung digitaler Medien der geistigen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen auf Dauer irreversibel schadet. Sein Rat lautet schlicht und einfach, die digitalen Medien zu meiden, da sie „dick, dumm, aggressiv, einsam, krank und unglücklich“ machten.

Das große Problem in Jauchs Runde deutete sich schon im Titel der Sendung, „Achtung, Computer! Macht uns das Internet dumm?“ an: Auf eine Klärung der Begriffe und generell auf eine Differenzierung zwischen Internet, Computer, Onlinespielsucht, PC-Spielesucht, Internetsucht, der Nutzung von Wikipedia und Co. oder dem Engagement Jugendlicher in sozialen Netzwerken warteten die Zuschauer vergebens.

Stattdessen erlebten sie einen aufgeregten, bisweilen fast aggressiven und giftigen Manfred Spitzer, der seine Talk-Partner, Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar, Moderatorin Petra Gerster und Kindermedienforscher Klaus Peter Jantke, kaum ausreden ließ. Während Spitzer von Christoph Hirte, dem Vorstandsvorsitzenden des Selbsthilfeportals „Aktiv gegen Mediensucht“ und Vater eines onlinesüchtigen Sohnes, Rückendeckung bekam, bemühten sich vor allem Yogeshwar und Jantke darum, das Thema differenzierter zu betrachten.

So räumte Ranga Yogeshwar ein, dass Kinder an Neue Medien „herangeführt werden müssen“, das grundsätzliche Problem dicker, dummer und computersüchtiger Kinder sei jedoch, dass sie von ihren Eltern in jeder Hinsicht alleingelassen würden. „Sie wissen nicht, was Computerspiele sind. Sie reden über Dinge, von denen sie nichts verstehen“, warf Kinderforscher Jantke Spitzer vor.

Im direkten Anschluss an die Sendung reagierten führende Köpfe im Netz mit einem After-Jauch-Gesprächskreis in Form eines sogenannten Google-Hangouts. Mittels Internet und Kamera vernetzt, starteten sie ihre eigene Gesprächsrunde, die sie komplett ins Netz stellten. Parallel dazu diskutierten zahlreiche Nutzer auf Twitter mit.

Die Kritik aus der Netzgemeinde ist heftig. Medienwissenschaftler Martin Lindner, Teilnehmer im Google-Hangout und einer der Ersten, die das Buch Spitzers nach seinem Erscheinen im August ausführlich unter die Lupe nahmen, urteilt etwa: „Die Argumentationsketten, die in dem Buch entfaltet sind, genügen nicht den grundsätzlichsten Anforderungen. Spitzer springt von einem zum anderen, mischt alles gnadenlos durcheinander, argumentiert kein Für und Wider.“ Auch die Quellen Spitzers zweifelt er an: Schon bei der Entlehnung des Begriffs „digitale Demenz“ täusche Spitzer Wissenschaftlichkeit vor, wo keine sei, so Lindner. „Spitzer sagt zum Beispiel, 2008 hätten südkoreanische Ärzte das Phänomen der ,digitalen Demenz’ festgestellt. Das war aber keine Studie, sondern eine Umfrage unter Städtern. Und die haben dann gesagt, sie könnten sich keine Telefonnummern mehr merken.“ Spitzer, so Lindner, berufe sich, ohne Quellen zu nennen, auf eine internationale Diskussion und einen wissenschaftlichen Stand, den es nicht gebe.

Thomas Knüwer, Gründer der digitalen Strategieberatung kpunktnull in Düsseldorf und „Handelsblatt“-Autor, bezweifelt sogar, dass die Zahlen der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans, wissenschaftlich haltbar sind. „Es wurden Menschen, die glücksspielsüchtig sind, zu ihrem Onlineverhalten befragt. Dass Glücksspielsüchtige sehr viel im Internet sind, ist kein großes Wunder, denn im Internet gibt es sehr viel Glücksspiel. Das ist mir persönlich nicht valide genug.“

Einig waren sich an dem Abend sowohl Jauch als auch die Teilnehmer des Hangouts, dass Spitzer mit seinen Thesen einen Nerv getroffen hat. Lindner hatte bereits in seiner Buchbesprechung selbstkritisch resümiert: „Warum haben wir, die Web-2.0-Fraktion, diese Leerstelle gelassen, in die er sich jetzt so begeistert wirft?“ Sein Vorschlag: „Nicht weniger Medien sind das Gegenmittel, sondern mehr, und anders: als Werkzeug der Selbstermächtigung in einer Welt, die sich rasend schnell verändert. Da hilft nicht Nostalgie, kein Verbot, auch nicht medienpädagogisches Darüberreden, da hilft nur: vormachen.“

Zu einem ähnlichen Fazit kommen übrigens die Wissenschaftler der Studie „Effekte von Google auf das Gedächtnis“, auf die auch Spitzer seine Thesen wesentlich stützt. Darin schreiben die Wissenschaftler: „Zum jetzigen Zeitpunkt ist es Nostalgie, sich zu wünschen, dass wir weniger abhängig von unseren kleinen digitalen Helfern wären. Wir sind darauf mittlerweile genauso angewiesen wie auf das Wissen unserer Freunde und Kollegen – und würden verlieren, wenn wir darauf verzichteten. Wir müssen online bleiben, um wissen zu können, was Google weiß.“

Rhein-Zeitung vom Dienstag, 4. September 2012, Seite 2