Magischer Ort im Kampf gegen das Vergessen

Ein Modell vor der Dorfkirche zeigt Wollseifen, wie es früher aussah. Foto: Sandra Elgaß Geisterstadt Wollseifen im Nationalpark Eifel – Militär hinterließ Ruinen

Wollseifen. Auf der einen Seite idyllisches Landleben, auf der anderen Vergessen, Verlassenheit, Verfall: Wer im Frühling das kleine Dorf Wollseifen besucht, erlebt eine einmalige Atmosphäre. Denn Wollseifen, urkundlich bereits im 12. Jahrhundert erwähnt, wurde 1949 vom Militär geräumt und ist heute ein Geisterdorf mitten im heutigen Nationalpark Eifel.

Wer jetzt durch die Häuser entlang der Hauptstraße streift, stößt auf blinde Fenster und Ruinen ohne Dach, findet durch einen einzelnen Sonnenstrahl erleuchtete Graffitis in dunklen Kellern voller Schutt und Treppen, die im Nichts enden. Wer genau hinschaut, entdeckt sogar Einschusslöcher.

In den Ruinen des Dorfes stößt an auf Schutt und Grafitti.Am 13. August 1946 endete hier schlagartig ihr gewohntes Leben, als die Wollseifener Familien durch die britische Besatzungsmacht den Befehl erhielten, ihr Dorf bis zum Monatsende – also in weniger als drei Wochen – für immer zu räumen: Sie mussten weichen, damit die Soldaten, die in der nahe gelegenen Burg Vogelsang stationiert waren, auf ihrem Dorfplatz und in ihren Wohnzimmern den Häuserkampf üben konnten. Erst am 31. Dezember 2005 zog sich das Militär aus dem Dorf zurück, und es wurde wieder öffentlich zugänglich. Sie hinterließen Ruinen. Doch Wollseifen ist nicht ganz vergessen – Mitglieder des Traditions- und Fördervereins Wollseifen restaurierten die Kirche des Dorfes. Ein Miniaturmodell von Wollseifen vor dem Gotteshaus erinnert an die Zeit, in der die Wollseifener Bauern hier noch Vieh hüteten und Äcker bestellten. Ein Kampf zwischen Vergessen und Erinnern – in Wollseifen wird er auf eindringliche Weise spürbar.

Rhein-Zeitung vom Mittwoch, 27. März 2013, Seite 8