"Echtzeitberichterstattung"-Motzer: Nehmt den Stock raus & entdeckt Neuland (Gnihi, hab' Neuland gesagt)!

Das banalste Video von allen seht ihr oben. Aber ist dadurch gleich unsere Demokratie in Gefahr? Wirre Gedanken zu "Echtzeit-Journalismus beim Obama-Besuch Auf der Damentoilette wurde ein Ring gefunden", von Edo Reents, erschienen auf Faz.net am 19.06.2013.

Neuland - Au Weia, da war aber einer sauer. Wut, das ist eine schöne Aktivierungsenergie für einen markigen Text, das habe ich in meiner Ausbildung nun auch ein paar Mal bemerkt. Warum nun ist Edo Reents auf der Homepage der FAZ so der Kragen geplatzt? Er würde wahrscheinlich sagen: Weil der Echtzeitjournalismus den Qualitätsjournalismus oder wahlweise unsere ganze Demokratie bedroht. (Ja was denn nun eigentlich, Herr Reents?) Ich würde sagen: Weil er sich im Neuland wohl noch orientieren muss. Oder etwas härter: Er hat das Prinzip Live-Ticker entdeckt und versteht es vielleicht noch nicht. Läuft!


Dabei gebe ich zu: In einem hat Reents recht! "Beim Obama-Besuch überbieten sich die elektronischen Medien im Vermelden von Banalitäten", schreibt er. Stimmt. Ich gehe sogar noch weiter: Gerade in Live-Tickern oder in anderen Formaten, die ein Ereignis live online begleiten, ist das sogar ein Stilmittel.

Was ist diese neue Darstellungsform "Live-Ticker" eigentlich? Und wie bedroht sie unsere Demokratie?

Was ist denn der Reiz eines Live-Tickers? Wohl doch, dass er der Blick eines Beobachters vor Ort sein will. Weil der Konsument nicht selbst dabei sein kann, wird der Tickerer zu seinen Augen, Ohren, zur Nase und ja, auch ein bisschen zum kleinen Clown im Hinterkopf, der die Ereignisse mit Humor versetzt, mit Albernheit, mit Spontanassoziationen. Auch der Blick hinter die Kulissen ist für jeden spannend, der nicht dabei sein kann. Sicher hat der ein oder andere Leser des Obama-Live-Tickers geschmunzelt, als der Journalist jene Begebenheit aufgriff, die Reents so albern fand, dass er sie zur Überschrift seines Artikels machte, weil sie "ohne jeden Gehalt ist und sich im Ton des Neckischen" äußerte: „12.06 Uhr: Gerade eine lustige Durchsage im Kanzleramt: ,Auf der Damentoilette wurde ein Ring gefunden!‘“ Wann bin ich Normalmensch denn bitte schon mal im Kanzleramt, wenn gleichzeitig der amerikanische Präsident da rumläuft? Und wenn ich es wäre: Wahrscheinlich fänd ich die Durchsage ähnlich lustig. Ein Live-Ticker, der das zum Programm macht, ist erst ein guter Live-Ticker. Das merke ich nicht zuletzt, weil ich bei der Rhein-Zeitung in dieser Richtung viel sehen und ausprobieren durfte. Da merkt man auch, was nicht funktioniert.

Da schickte mich die Rhein-Zeitung doch glatt als Ein-Frau-Unternehmen an dem Tag in den Mainzer Landtag, an dem Kurt Beck verabschiedet wurde. "Ticker mal", lautete die Ansage. Was dabei herauskam, waren Meldungen im (manchmal weniger als) 10-Minuten-Takt. Für annähernd 10 Stunden. Sicher waren sie nicht alle nötig. Sie waren auch nicht alle wichtig. Ausgewählt waren sie meist gar nicht. Vieles war banal. Ich habe getickert, was mir über den Weg lief. Ich tickerte, wenn Journalisten sich um Plätze prügelten oder Steckdosen organisiert werden mussten, wenn aus dem Vorhof ein Limousinengarten wurde, wenn es Häppchen gab, wenn wichtige Leute wichtige Reden hielten und historische Aussagen machten (machen sollten). Fazit: Wann immer ich auf mein Wissen zurückgriff, Gäste, Aussagen in einen Kontext zu setzen versuchte oder die Aussagen wichtiger Menschen live zitierte, wurde es meist laaaaaaangweilig.

Dagegen bestätigte mir ein Leser via Twitter, dass es immer dann nett wurde, wenn mir eine kreative Idee kam (was als Ein-Mann-Ticker mal echt 'ne Leistung ist - auch eine Lehre: Nie wieder alleine. Wir brauchen Fotos, Videos, Zitate. Das müssen mindestens zwei drei bis vier Leute machen. Aber das ist ein anderes Thema) oder mir der Schalk im Nacken saß: "Bester Satz des Live-Tickers", twitterte mir ein Follower, "'15.00 Uhr: Kurt Beck hat sein Mittagessen verspeist.'"

Der Ticker-Journalist kann auch nach Hause gehen und dann wieder Qualitätsjournalismus machen, oder nicht?

Ja, Journalisten haben die Aufgabe, Informationen zu filtern, in einen Kontext zu setzen, zu werten. JA DOCH! Aber was spricht bitte dagegen, dass sie nach einem Live-Ticker nach Hause gehen können, um dort einen "ordentlichen" Artikel nachzuschieben? Ja, warum soll es denn bitte nicht Menschen geben, die eben nur tolle und unterhaltsame Live-Ticker machen?! Und Journalisten, die ihre Aufgabe so wahrnehmen, dass die FAZ'schen Standards erreicht werden?

Außerdem kann ich mir gut vorstellen, dass ein Live-Ticker auch Gehaltvolles liefert. Dann springt eben die Video-Journalistin auf der Demo rum und kriegt die historische Aussage von Politiker XY zum Thema GAGA in den Kasten. Den dazugehörigen Tickertext erstellt der Fachjournalist, der sich auf GAGA spezialisiert hat und in der Redaktion fernab der Demo mit denen draußen in Kontakt ist. Weil er mit Scribble Live, CoveritLive, Tumblr & Co arbeitet oder eben einfach angerufen wird. Warum sollte man nicht im Live-Ticker interessante Artikel aus der Vergangenheit verlinken und dadurch Gehalt schaffen? Warum sollten solche Tickermeldungen nicht neben jenen stehen, in denen der Journalist mal ähnlich albern denkt wie Lieschen Müller?

Oh, oh, Geistesblitz: Eine Chance, an Lieschen Müller ranzukommen?

Da fällt mir grad ein: Wenn Lieschen Müller weiß, dass sie in der Art unterhalten wird, wenn sie den Ticker verfolgt ... Also verfolgt sie vielleicht auch, was sonst noch geliefert wird. Ist das nicht auch eine Chance für Journalisten, die Gehaltvolles an den Mann und die Frau bringen möchte? Hmmmm.

Liebe Leute: Nehmt den Stock raus & entdeckt Neuland (Gnihi, ich hab' Neuland gesagt)!

Meinen Seminarteilnehmern (meistens Jugendliche) sage ich ja immer: Wenn ihr kritisiert, bleibt konstruktiv. Liefert immer auch einen Verbesserungsvorschlag mit. Reden sie sich in Rage, vergessen sie das schon mal. Das ist menschlich. Genauso wie, gern unterhalten zu werden. Eine Gefahr für die Demokratie sind Banalitäten-Jäger und -konsumenten aber noch lange nicht. Solange Journalisten auch noch das machen, was Online-Live-Formaten vielleicht oft (noch) abgeht. "Der Echtzeit-Journalismus wirkt auf die Demokratie verheerend, weil er immer weniger Raum und Zeit dafür lässt, die Dinge so sortieren, Abstand zu ihnen zu gewinnen und sie zu werten", schreibt Reents. Als ob Live-Formate den ganzen Rest verdrängen würden oder die Aufmerksamkeit aller restlos aufsaugen könnten, bis nichts mehr für den hart arbeitenden, traditionellen Journalisten bleibt. Nein! Wenn etwas Qualität hat, wird das auch erkannt. Und bekommt auch Publikum. Das andere ist halt alles Neuland für uns euch.

Ein Update (21.6.2013, 10.22 Uhr) als PS.:
Wenn mehr Kollegen Live-Ticker nicht als Terrain für Praktikanten und Freie, sondern als Aufgabe gestandener und versierter (Fach-) Kollegen in gut bezahlter Festanstellung begreifen würden, könnte sich das Format schnell professionalisieren und hätte dann wahrscheinlich auch mehr Gehalt. Da müssten sich die Traditionalisten aber auch weiterentwickeln. Den Widerstand dagegen sieht man in der Branche aber leider an jeder Ecke, nicht nur bei Herrn Reents von der FAZ.