Zuruf: Was Kriegsreporter mitbringen und unsere Pflicht, nicht wegzusehen



Was die Menschen in Syrien oder auch Ägypten erleben müssen, ist so unerträglich, dass viele es ausblenden. Kriegsreporter arbeiten dafür, dass wir es einblenden. Und wir haben die Pflicht, wenigstens hinzusehen.

Was die Menschen in Syrien erleben, ist unvorstellbar - deshalb müssen wir wenigstens die Bilder sehen

Wahrscheinlich kann man keine Einschätzung einer Krisenlage abgeben, keine wissenschaftliche, keine journalistische, wenn man sich nicht intensiv damit beschäftigt, was Menschen durchmachen, die direkt mit Krieg konfrontiert werden. So viele Fakten wie möglich zu kennen hilft. Aber der erste Schritt dazu, den Krieg und seine Konsequenzen besser zu verstehen und einschätzen zu können, ist, es mit eigenen Augen zu sehen. Diejenigen Journalisten, die uns diese Eindrücke liefern, sind in meinen Augen unglaublich mutig und in den Augen vieler auch verrückt.

Reportage von dem Ort, wo sich das hässlichste Gesicht des Krieges zeigt: In den Krankenlagern in Krisengebieten wie Aleppo oder Damaskus

Unvorstellbares Leid in Syrien: Zwei Männer halten sich nach dem Giftgasangriff, den es vor einigen Tagen in der Nähe von Damaskus gegeben haben soll, in einer notdürftig ausgestatteten Krankenstation tröstend im Arm (Quelle: euronews.de auf Youtube).
Unvorstellbares Leid in Syrien: Zwei Männer halten sich nach dem Giftgasangriff, den es vor einigen Tagen in der Nähe von Damaskus gegeben haben soll, in einer notdürftig ausgestatteten Krankenstation tröstend im Arm (Quelle: Screenshot Video von euronews.de auf Youtube).

Die Reportage "Ground Zero: Syrien" aus dem Jahr 2012 (von den Seiten von Vice), die ich unten eingebettet habe, begleitet einen Arzt, der zu der Zeit unter den schlimmsten Umständen in einer ehemaligen Privatklinik, einem Kinderkrankenhaus mitten im Kriegsgebiet in Aleppo, wirkte. Während die Bomben in dem Viertel zu hören sind, behandelt er kranke und verletzte Kinder und Erwachsene und erzählt davon, dass auch sein Leben ständig bedroht ist - weil es im Bürgerkrieg viel effektiver ist, einen Arzt zu töten, als unzählige Kämpfer.

Das Video mit den ungepixelten Bildern will ich empfehlen, weil es mich schockiert und berührt hat. Und weil es Bilder zeigt, die in den Mainstream-Medien meist ausgespart werden.

Derjenige, der die Bilder zu der Reportage lieferte, Kriegsreporter Robert King, ist dabei selbst ein Betroffener des Krieges und damit auch eine wichtige Quelle für alle, die sich mit dem Krieg in Syrien (und an sich) beschäftigen wollen. Diese Journalisten rücken deshalb nicht selten und zu Recht in den Fokus der Öffentlichkeit. Zum Beispiel berichtete die Bild damals über Kings Einsatz in Syrien. Der Text spart nicht mit reißerischen Worten wie "Blut", "klaffende Wunden", "Kinderschreie", "blutüberströmt", "zerfleischte Hand" - in den Ausschnitten des Films, die die Bild.de zeigt, werden diese Bilder aber gepixelt. Ich finde, das ist inkonsequent. Wer Menschen derart mit Greueln lockt, der soll auch den Mut haben, sie ihnen unverpixelt zu zeigen.

Das freie Internet ändert alles: Lehnt man die Zensur des Netzes ab, ist ein Wandel in den Medien unverzichtbar. Wer sagt uns sonst, was echt ist?

Die Frage, ob Medien Bilder aus Krisengebieten öfter ungeschönt zeigen sollten, beantworte ich mit also mit Ja. Erst recht, wenn heutzutage jeder im Internet fast alles veröffentlichen kann. Das Internet ist damit nicht nur in den Dienst von Extremisten getreten, die nun Menschen überall in der Welt mit ihrer Botschaft erreichen können.

Das wurde uns spätestens mit dem schockierenden Video von der Ermordung des Amerikaners Nick Berg klar (Link führt zu Wikipedia - hier noch ein ausführlicher Artikel der Welt). Twitter, Youtube & die Verbreitung von fotofähigen Kameras - das stellt die Medien vor eine riesige Herausforderung - vor der sie sich leider nicht drücken können. Von diesem Krieg der Bilder in Syrien, von Manipulation - anscheinend durch die syrische Opposition - und Strategien der Medien berichtet unter anderem die FAZ. Auch im Nahostkonflikt tobt schon lange auch ein Krieg der Bilder, beispielhaft ist die Diskussion um die Echtheit und Umstände, unter denen ein Zwölfjähriger 2000 in den Armen seines Vaters und die vor laufender Kamera im Kugelhagel starb - hier in einem Blogbeitrag von Soldatenglück.de zusammengefasst. Die Lösung ist für mich eindeutig nicht, keine solchen Bilder mehr zu zeigen. Sondern so viele wie möglich auf Authentizität zu prüfen und dann auch zu zeigen. Denn an die Öffentlichkeit kommen sie ja sowieso, sobald jemand ein Motiv dazu hat - egal, welches. (Gute) Argumente, solche Bilder nicht zu veröffentlichen, gibt es auch, z.B. hier. Allerdings überwiegt für mich, dass man den propagandisten Einsatz von Bildern eben nicht dadurch verhindern kann, dass Journalisten sie aussparen.

Brutal ehrlich: Solche Bilder können etwas bewegen - doch im Fall der toten Kinder aus Syrien haben sie das bisher nicht wirklich

Apropos Motive: „Ich fahre dorthin, damit es überhaupt ehrliche Berichterstattung gibt“, sagte King 2012 der Bildzeitung. In einem (offensichtlich fast ungeglätteten) Interview mit Vice zieht King über die Mainstream-Medien her: "[...] stop turning it [Kriegsberichterstattung, Anm. d. A.] into entertainment. At least in America, where all I have is Fox News, it's all entertainment journalism. It all has an agenda, half of it is lies, half of it is incorrect."

CNN gab er im Juni 2012 dazu ein TV-Interview. Als er von der CNN-Journalistin gefragt wird, ob sich das, was er in Syrien sah, irgendwie von den anderen Konflikten, die er die letzten beiden Jahrzehnte begleitet hat, unterscheide, antwortet er: "Ich habe noch nie so viele verletzte Kinder gesehen", und weiter: "Ich bin schockiert über die Gleichgültigkeit, die den Menschen in Syrien entgegengebracht wird" (übersetzt aus dem Gesprochenen durch mich). In Sarajevo habe King ebenfalls solche Bilder gemacht und damit ganze Nationen zum Handeln bewegt (Im Jahr 2008 entstand ein Film über King, der diesen Job schon zwei Jahrzehnte macht: "Shooting Robert King" (Trailer)). Erst jetzt, wo Chemiewaffen ins Spiel kommen, steigt die Aufmerksamkeit. Schade, dass es wieder nicht die UN sind, die geschlossen zur Tat schreiten. Wundern würde wohl keinen, wenn später wieder herauskäme, dass ein möglicher Giftgasanschlag von irgendeiner Seite orchestriert wurde, um die Weltgemeinschaft zu spalten und die USA zum Alleingang zu provozieren - oder einfach einen Grund zu liefern, die USA zum Einmischen zu bewegen.

Nicht nur Bilder und Berichte, sondern auch Verletzungen und Traumata finden sich im Gepäck der heimkehrenden Kriegsreporter

Auch Jörg Armbruster sprach in einem Interview (TAZ, 28. August 2013) über seine Erlebnisse als Kriegsreporter. 2013 arbeitete er in Aleppo und wurde angeschossen. Armbruster äußert sich unter anderem zur journalistischen Ethik in Kriegsgebieten und der Frage, ob man in dieser Extremsituation überhaupt unparteiisch sein kann. Sein Team hat nach dem Einsatz und kurz vor der Abreise übrig gebliebene Medikamente in einem Krankenhaus abgegeben.
Mit den Folgen seines Einsatzes kämpft Armbruster jetzt noch: Unklar ist, ob er seine verletzte Hand je wieder ganz bewegen kann. Er macht eine Therapie - drei Mal die Woche. "Ich weiß auch nicht, ob ich wieder nach Syrien fahren würde, im Augenblick habe ich die Nase voll", sagte er der TAZ.


Quelle: Youtube

King äußerte sich im CNN-Interview zu den Grenzen journalistischer Objektivität: Würde er sehen, wie ein Kind gefoltert würde, würde auch er eingreifen. Um zu verstehen, wie und ob er seine Erlebnisse je verarbeitet, traf sich auch die TAZ mit dem "harten Hund" Robert King (Juni 2012). Dem Reporter der TAZ sagte er: „Weißt du was, Syrien war zu viel für mich. Ich denke, ich sollte mal einen Psychologen aufsuchen.“ Vor zwei Jahren sprach Vice mit King - das Interview ist näher an dem dran, was ich erwarte, wenn jemand diesen krassen Job macht: Seine Antworten erscheinen desillusioniert, abweisend, wirr und defätistisch. Macht euch selbst ein Bild.

Reporter ohne Grenzen zählt in Syrien seit Beginn des Aufstands im März 2011 mindestens 23 Journalisten und 59 Bürgerjournalisten, die getötet wurden


Kriegsreporter kommen zurück, wenn sie zurückkommen, mit Geschichten und Bildern, die der Öffentlichkeit oft nicht zugemutet werden sollen. Doch wegschauen, das dürfen wir nicht. Wir haben eine Pflicht, hinzusehen.

Alle Kriegsopfer lassen unzählige weitere, traumatisierte Angehörige und Freunde zurück. Sie sehen und erleben Dinge, die nicht auszuhalten sind. Wer das wenigstens im Ansatz nachfühlen kann, wird sich nicht mehr mit dem erhobenen Zeigefinger vor sie stellen und ihnen zurufen: "Denkt doch mal darüber nach, was für ein Unsinn es ist, dass ihr euch hier die Köpfe einschlagt." Die Kriegsreporter King und Armbruster sind sich einig: Die Ärzte in den syrischen Krankenlagern sind die wahren Helden. Im Moment dürften sie wieder alle Hände voll zu tun haben.

Hier ist die bewegende Geschichte eines dieser Helden, der stellvertretend für alle steht und von dem ich nicht weiß, ob er bis heute überlebt hat.



(Quelle: Vice Youtube-Channel. Hinweis: Vice wird oft kritisiert, einseitig zu berichten - im syrischen Fall findet man auf ihren Seiten viel Sympathie für die Rebellen in Syrien und wenig für die Regierungsseite.)