Buhruf | Schwimmverbot für männliche Flüchtlinge?! Bitte differenzierungsfähig bleiben!






In Bornheim wird 
Flüchtlingen der Zutritt zum städtischen Schwimmbad verweigert. Ein offizieller (!) Sprecher einer Stadt begründet die Absage eines Karnevalumzugs unter anderem damit, dass nahelebende Flüchtlinge diesen besuchen können. Können wir bitte alle mal tief durchatmen? Wartet. Ich pfeif aufs Durchatmen: ICH GLAUBE ES HACKT! Läuft.

Wenn ein städtisches Schwimmbad männlichen Flüchtlingen den Zutritt verweigert, ist das eine doppelte Diskriminierung: Einmal aufgrund des Geschlechts und einmal aufgrund von – ja was eigentlich? Lasst mich mal provokant fragen: Wer gilt da eigentlich als Flüchtling? Wie prüft man das als Mitarbeiter an der Kasse des städtischen Schwimmbads? Fragt man alle mit brauner Haut nach dem Ausweis? Suchen die die Menschen dann nach dem Tattoo ab, das sie als Flüchtling kennzeichnet?! Kann man denn nicht den Störern ein Verbot erteilen? Welche Konsequenzen hat ein solches Pauschalverbvot, wenn das Schwimmbad in der Stadt dies beschließt und mitteilt, auf deren Bewohner?

Vorurteile werden ohne Grund geschürt – Der bequeme Weg ist brandgefährlich

Nehmen wir mal an: Ich wohne da. Ich habe noch nie schlechte oder gute Erfahrung mit Geflüchteten gemacht. Jetzt erhalte ich die Nachricht, was die Stadtvertreter da beschlossen haben. Implizit heißt das für mich: Krass, aber die werden schon einen Grund haben. Und schon ist es passiert: Ich habe mich nie engagiert. Ich habe nie mit Geflüchteten zu tun. Ich habe NULL Erfahrung. Und doch ist vielleicht meine Angst geschürt und ich stehe Fremden mindestens skeptisch gegenüber. Außerdem macht man es sich hier leicht: Wer potenzielle Probleme auf Verdacht meidet, muss weder auf den Einzelfall achten und Argumente entwickeln noch den Dialog mit Andersdenkenden suchen. Das ist feige.

Es ist unfassbar, dass „Offizielle“ eine solche Aussage tätigen. Genauso im zweiten Fall: Wenn ein städtischer Vertreter die Absage eines Karnevalumzugs unter anderem damit begründet, dass es sein könne, dass Flüchtlinge, die im Nachbarort wohnen, ihn besuchen KÖNNTEN, ja was sendet das bitte für ein Zeichen!? Und was löst das auch für Emotionen aus? Plakativ: Von „offensichtlich geht eine Gefahr von diesen Menschen aus“ bis „Ich muss auf meene Zuch verzichte weche denn janze Pack, weil die jefährlich sin!“?!

Kein Dialog, keine Erkenntnis, keine Veränderung, keine Integration, kein Garnichts, MANN!

Wie soll ein Zusammenleben jemals gelingen, wenn man eine Gruppe Menschen pauschal ausgrenzt und Diskriminierung durch Vertreter der Gesellschaft bis hin zum Staat wieder salonfähig ist und von der Mehrheit einfach hingenommen wird? Es gibt ja durchaus Debatten, die geführt werden. Das ist schön. Das ist aber heute auch gefährlich, wenn nicht aufgepasst, nicht ständig differenziert wird.

Die Debatte um sexuelle Belästigung ist keine Debatte über das Frauenbild mancher Männer anderer Kulturen, sondern vornehmlich eine über das Frauenbild mancher Männer in unserer Kultur. Im Mainzer Karneval soll es nun Rückzugsräume für Frauen geben, die sich belästigt fühlen. Es ist völlig angebracht, dass die Sicherheitskonzepte für Karneval überarbeitet werden.

Und ich möchte auch sagen, dass der hier verlinkte Artikel zwar so einleitet,

Das Sicherheitsbedürfnis von Frauen – zur Fastnacht immer ein wichtiges Thema, in diesem Jahr wohl ein besonders wichtiges nach den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht.

aber dann wirklich sehr informativ ist und dies der einzige Bezug zu den sexuellen Belästigungen am Kölner Hauptbahnhof bleibt. Hier wird keine Abhängigkeit angedeutet, sondern lediglich die Wichtigkeit des Themas in einen Kontext gesetzt. Finde ich. Danke, Kollegen.

Der Zeitpunkt der Debatte fördert Fehlschlüssen in der Problemanalyse

Dennoch stört mich wie auch viele andere Menschen der Zeitpunkt der ganzen Debatte um sexuelle Belästigung, in der derzeit zu oft leichtfertig Sätze zu Menschen anderer Kulturen, die sich in Deutschland aufhalten, fallen.

Ich möchte nicht sagen, dass es vielleicht den ein oder anderen unter den Einwanderern gibt, der ein Frauenbild hat und/oder ein Verhalten an den Tag legt, das zu unseren Werten und Gepflogenheiten nicht passt. Ich sage aber klar: Das ist kein reines Einwandererproblem.

Ich mag den rheinischen Straßenkarneval nicht sehr gern. Ich mag politisierte Umzüge. Aber der Rest: Sorry, nichts für mich. Ich war ein ein einziges Mal in Köln Karneval feiern, bevor ich mich aus mehreren Gründen entschieden habe, Karneval im Rheinland in bestimmten Punkten auszulassen. Ich war damals 24 und Studentin. Ich ging als Catwoman. Mit Jumpsuit, Öhrchen, Lackschwänzchen, spitzen Stiefelchen, Netzhandschuhen und allem, was dazugehört. Zusammen mit einem sexy Teufelchen und einer wunderschönen Meerjungfrau. Die Debatte, inwiefern eine Frau, die in einer gewissen Weise auftritt, selbst daran Schuld hat, wenn sie belästigt wird, möchte ich übrigens nicht (mehr) führen – ich werde darauf auch in den Kommentaren nicht eingehen. Gern ein anderes Mal.

Karneval halt?

Zurück zum meiner Erfahrung: Abgesehen von einigen netten Begegnungen und zahllosen unflätigen Kommentaren hatte ich mindestens drei Mal männliche Finger durch die Klamotte zwischen den Beinen krabbeln. Mehrere Sekunden lang, bis man sich im Gedränge umgedreht hat. Mitten in der Öffentlichkeit. Diese Finger gehörten betrunkenen Idioten, die in meinem Falle alle noch nicht Mal leugnen wollten, was sie getan hatten und mich fröhlich angrinsten. Oft ist das nämlich sogar so, dass nicht einmal ein Unrechtsbewusstsein vorliegt: Vielleicht fand sie es ja schön und will mehr.

Die Idioten hatte in meinem Fall kein „nordafrikanisches“ Aussehen. Es waren augenscheinlich Deutsche, hier geboren, hier sozialisiert. Die sich strafbar machten, als sie so etwas taten und anscheinend keine Strafe fürchteten. Die in enthemmten Zustand ein problematisches Frauenbild offenbarten, das nicht zu den Werten passt, die ich in dieser Gesellschaft leben möchte und zu den Werten, die in unserem Grundgesetz festgehalten sind.

Das ist das wahre Problem. Rückzugsräume für Frauen, die sich belästigt fühlen? Tolle Sache! Die Möglichkeit, sich direkt an die Polizei wenden zu können, vielleicht bevor die Sexualstraftäter vielleict im Getümmel untertauchen können: Super! Es ist dies ein schöner Nebeneffekt der Debatte, dass von vielen ganz deutlich gemacht wird, dass sie über diese Art von Belästigung nicht hinwegsehen wollen, sie nicht akzeptieren und dass dies sogar zu konkreten Veränderungen führt.

Differenzierungsfähig und -willig bleiben, bitte!

Es ist extrem tragisch, dass diese Erkenntnis in eine Debatte eingebettet ist, die immer wieder auf einen Zusammenhang mit Einwanderern gelenkt wird, entweder weil rational Beschränkte rechtsaußen „die deutsche Frau vor den Ausländern“ beschützen wollen oder weil Flüchtlingen kollektiv und unabänderlich ein verkehrtes Frauenbild unterstellt wird.

Tweet_Hasssähen

 

 

 

 

Dieser Tweet trifft ganz gut, was ich in letzter Zeit immer deutlicher fühle. Ich konnte es mir nicht vorstellen. Jetzt geht das gut. Das liegt natürlich an den vielen Menschen, die sich in den sozialen Netzwerken offen hasserfüllt und fremdenfeindlich äußern. das ist schon tragisch genug. Ein Kampf gegen Windmühlen, wenn man ihn führen möchte. Kollegen, die ihn derzeit auf den Social Media-Kanälen der Medien führen müssen, haben viel zu tun. Womit ich jedoch vor allem nicht klar komme, ist einerseits, dass Vertreter meiner Gesellschaft offen diskriminieren und das auch noch deutlich machen.

Wir haben das mit der Integration schon einmal nicht so richtig gut hingekriegt. Jetzt stehen wir vor noch größeren Herausforderungen. Dass der Staat und gewählte Vertreter unserer Gesellschaft solche zweifelhaften Entscheidungen treffen und sie so begründen, wie das in den zwei angesprochenen Fällen passiert ist, ist inakzeptabel. Wenn die Differenzierungsfähigkeit oder der Wille dazu verloren geht, ist unsere Wertegrundlage in Gefahr.

Leseempfehlung zum Schluss: GG, Artikel 3 & 33.

Weitere Leseempfehlung zu den beiden Vorgängen in Bornheim & Rheinberg und der Frage, ob das juristisch haltbar wäre auf heute.de.