Buhruf | Rattenfänger & Ziffer 12 Pressekodex: Die Diskussion zum "Lügenpresse-Dilemma" im Licht der Kölner Silvesternacht



Wir müssen reden. Die Diskussionskultur, die unsere Gesellschaft gerade pflegt, ist brandgefährlich. Das macht mir Sorge. Und ich ärgere mich. Weil auch Rattenfänger unterwegs sind: Clickbaiting und Fake-Meldungen. Ein zweites Problem ist die Frage nach der Nennung von Nationalitäten (Pressekodex Ziffer 12) in der Berichterstattung, im Spannungsfeld zwischen Diskriminierungsverbot und Lügenpresse-Vorwurf. Läuft.

 

Diskussion: Vom Abwägen und Rattenfangen

Ich möchte gern zwischen Rattenfängern und Abwägungsbeispielen unterscheiden und anhand von zwei Beispielen erklären, was ich meine. Mein erstes Beispiel, das ich zur Diskussion stellen möchte, nenne ich einen klaren Rattenfänger:
BlogFB2DuisburgDa holt ein publikumswirksames Medium einen monatealten Artikel zu einer Forderung eines islamischen Bündnisses in Duisburg nach getrennten Schwimmzeiten für muslimische Frauen aus der Klamotte, genau zu dem Zeitpunkt, als das Thema Flüchtlingskrise an Fahrt aufnimmt. Auf seinem Blog entlarvte Stefan Niggemeier diese Strategien des „rassistischen Clickbaiting“ überzeugend. Hier der Link zur Diskussion, die ich auf Facebook darüber geführt habe.

 

2) Beim zweiten Beispiel wird es meiner Meinung nach schon schwieriger. Es zeigt, wie sorgfältig abgewogen und formuliert werden muss. Es sind subtilere Aspekte, vielleicht spielt menschliche Unachtsamkeit und Geschwindigkeitsdruck eine Rolle. Grundlage meiner Diskussion ist ein Onlineartikel bei ZDF heute:BlogFBWeil_am_Rhein

Die Textstelle, um die sich die Diskussion entspann:

„In der Silvesternacht ist es im baden-württembergischen Weil am Rhein offenbar zu einer Gruppenvergewaltigung gekommen. Vier Männer im Alter zwischen 14 und 21 Jahren sollen zwei 14 und 15 Jahre alte Mädchen mehrfach vergewaltigt haben. Die Polizei geht davon aus, dass es sich bei den Tätern um Syrer handelt. Die Nationalität der Tatverdächtigen spiele bei der Tat aber eine "untergeordnete Rolle", betonten Polizei und Staatsanwaltschaft gegenüber dem SWR, der zuerst über den Fall berichtet hatte.“

Mir stellt sich vor allem die Frage: Ist die Nennung der Nationalität der Tatverdächtigen ein Verstoß gegen Ziffer 12 des Pressekodex, dass niemand wegen seines

„Geschlechts, einer Behinderung oder seiner Zugehörigkeit zu einer ethnischen, religiösen, sozialen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden“

darf?

Weiter unten im Pressekodex steht in Bezug zu Berichterstattung bei Straftaten:

„In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“

Meine Meinung dazu: Die Nationalität der mutmaßlichen Täter hat hier nichts zu suchen, solange die Nationalität nichts mit der Tat zu tun hat und/oder die mutmaßlichen Täter verurteilt sind.

Diskutieren kann man meiner Meinung nach besonders über folgende Textstelle:

"Die Nationalität der Tatverdächtigen spiele bei der Tat aber eine "untergeordnete Rolle", betonten Polizei und Staatsanwaltschaft gegenüber dem SWR, der zuerst über den Fall berichtet hatte."

Minderheitenschutz ist eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Gesellschaft und geht im Zweifel vor

Die Polizei wird zitiert, die ja eigentlich implizit auf den Umstand, dass Artikel 12.1 Pressekodex greift, hinweist – damit man die Nationalität trotzdem nennen kann? Zusätzlich wird dann noch auf die Berichterstattung des SWR hingewiesen, der die Quelle der Aussagen von Polizei und Staatsanwalt sei. Die Polizei hat es also so gesagt, der SWR hat es so berichtet. Eine doppelte Absicherung? Wir waren es ja nicht, die die Nationalität nennen. Wir liefern dir, lieber Leser, alle Fakten, aber du musst dafür sorgen, dass du dich nicht in unerwünschter Weise davon beeinflussen lässt und Verbrechen mit Syrern assoziierst?

Ob man dieses Vorgehen gutheißt oder nicht hängt vielleicht auch davon ab, ob man das den Lesern zutraut oder nicht. Betrachtet man, wie sich viele Menschen derzeit im Netz in unsäglicher Weise aufführen, ist das schon mutig. Hier der Link zur Diskussion, die ich über diesen Artikel auf Facebook führte.

Quo vadis, Presse?

Vor zwei Jahren hätte ich vielleicht gar nicht so ausführlich darüber nachgedacht. Die neue Hasskultur im Netz und die aktuelle Debatte um Flüchtlinge ändert das irgendwie. Klar ist für mich heute: Es geht im zweiten Beispiel um mutmaßliche Verbrecher und welche Nationalität sie haben, ist egal. Nennt man sie, ist es eine Diskriminierung, in der Kriminalität unzulässig mit Menschen einer bestimmten Herkunft assoziiert wird.

Und wenn man mir das Label "Lügenpresse" aufdrücken will, weil ich ihnen die Nationalität in manchen Fällen vorenthalten will? Das Risiko würde ich eingehen mit dem Vorsatz, den Fall weiter zu verfolgen.

Menschen informieren sich heute anders als noch vor ein paar Jahren. Die tägliche Zeitung aus Papier, die morgens kommt, ist manchen nicht mehr so wichtig wie ihre Facebook-Timeline, die immer verfügbar ist. Einmal im Netz, können Texte millionenfach geteilt und kommentiert werden. Tendenzen können verstärkt, Fakten verzerrt und Themen instrumentalisiert werden und die Konsequenzen von tendenziöser Berichterstattung und Unsauberkeiten wird potenziert, wenn einer Gruppe von Menschen das ganz gelegen kommt. Ein Medienwissenschaftler nannte dies einmal gegenüber dem mdr die "Entfesselung des Publikums in den digitalen Medien". Das muss uns immer bewusst sein.

Nein, die Kollegen im tagesaktuellen Nachrichtengeschäft haben es im Moment nicht leicht. Viele schlagen sich toll, auch über Konventionen der Berichterstattung hinaus. Ein herausragendes Beispiel, wie mit Kritik an der eigenen Berichterstattung oder dem Lügenpressevorwurf umgegangen werden kann: Dunja Hayali, die aktiv auf die Menschen, die die Berichterstattung des ZDF kritisieren, zugeht.

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"Lügenpresse", "Gesinnungsjournalisten", "Verschleierungsfernsehen" - immer wieder werden wir über die Sozialen Medien für unsere Berichterstattung kritisiert. Vor allem beim Thema Flüchtlingskrise kochen die Emotionen oft sehr schnell hoch. Wir haben deshalb fast 100 Menschen angeschrieben, wir dachten: reden hilft: aber nur wenige waren bereit mit uns zu sprechen. Dunja Hayali hat zwei von ihnen getroffen...

Posted by ZDF morgenmagazin on Thursday, January 7, 2016

Neue Aufgabe des Journalismus in einer Welt ohne klares Sender-Empfänger-Verhältnis: Fakes entlarven

Das Mitmachnetz wirft die ehemalig so klaren Rollen um. In dem Video spricht Dunja Hayali mit einem Unternehmer, der deutlich macht: 'Was ihr berichtet, halte ich für gestellt oder gelenkt. Zum Beispiel Bilder von Flüchtlingen an der Grenze in Ungarn. Ich gucke dann lieber auf Youtube nach Videos von Privatleuten, die dort auch hingefahren sind. Denen glaube ich.' Das zeigt: Jeder kann heute publizieren und gleichzeitig schwindet das Vertrauen in (in diesem Fall staatliche) Medien. Wer soll sich denn in einem so komplexen Angebot noch zurechtfinden? Das öffnet anderen Rattenfängern die Tür. Sie faken Bilder, Videos, Berichte, reißen sie zu aus dem Kontext und betten sie in einen neuen, ihnen gefälligeren oder aktuellen ein und machen Stimmung. So müssen sich die Medien auch noch darum kümmern: Fakes entlarven, wie hierhier oder hier.

Mal kurz nebenbei: Die Entwicklung führt auch zu spannenden neuen Geschäftsmodellen im digitalen Journalismus. Zum Beispiel erhalten Medien beim Dienst Storyful Zugriff auf einen Stream garantiert verifizierter Inhalte und deren Geschichten aus dem Social Web. Netzcontent zu verifizieren wird ganz nebenbei zur journalistischen Kernkompetenz.

Zuruf im Buhruf

Zu den Rattenfängern: Wer so publiziert, fischt nach den Klicks, oft aus der neuen „besorgte Bürger“-Ecke. Von den Propagandainstitutionen der neuen Rechten in Deutschland und manchen rational-beschränkten Subjekten kann man dies ja erwarten. Von führenden Medien sollte man erwarten dürfen, dass sie eben nicht so vorgehen. Dass es in Einzelfällen doch passiert, ist tragisch für die ganze Presselandschaft und die Diskussionskultur in Deutschland. Es ist eine Schande.

Zu den Abwägungsfällen: Wir müssen reden. Gerade jetzt. Öffentlich. Denn die Berichterstattung ist längst selbst Thema geworden. Vor allem über Konventionen in der Berichterstattung, zum Beispiel über Ziffer 12 des Pressekodex. Was ist zum Beispiel im Falle der Kölner Silvesternacht zu entscheiden? Gehört die Nationalität mutmaßlicher Täter in die Berichte? Wie umfangreich muss die Faktenlage dazu sein? Müssen dazu lediglich anonyme Zeugenaussagen ins Feld geführt werden? Oder muss es dazu die Feststellung einer ausreichenden Menge an Personalien durch die Polizei gegen haben? Wir müssen uns einig sein. Und wir müssen zusammen gegen Rattenfänger angehen. Wir müssen aufpassen. Ich wünsche mir eine öffentliche Stellungnahme des Presserates. Wie wäre es mit einen Praxis-Leitfaden zu Ziffer 12, ähnlich dem zu Ziffer 7? Oder eine öffentliche Stellungnahme zum Thema "Lügenpresse-Vorwurf"?

UPDATE 11.1.16: Drehscheibe hat den Presserat zu Ziffer 12 interviewt. Ein Auszug:

Können Sie einen exemplarischen Fall nennen, in dem die Nennung der Zugehörigkeit zu einer Ethnie etc. einen begründeten Sachbezug darstellen würde? Und einen, in dem das nicht der Fall wäre?

Zunächst wird die Nennung relevant, wenn es einen Sachzusammenhang zwischen Tat und Nationalität gibt. Das wäre beispielsweise der Fall, wenn es um organisierte Kriminalität geht, etwa um Mafia-Clans, die aus einem bestimmten Land stammen und in anderen Ländern agieren. In so einem Fall braucht man das Wissen über die Nationalität, um die Tat zu verstehen. Beim sogenannten Ehrenmord steht das Motiv für die Tat in Zusammenhang mit dem kulturellen Hintergrund. Wenn es sich aber beispielsweise um einen fünfzeiligen Bericht über einen Ladendiebstahl oder um den Aufbruch eines Autos handelt, hat die Nennung der Nationalität des mutmaßlichen Täters keinen Mehrwert, sie bedient nur Vorurteile gegenüber bestimmten Bevölkerungsgruppen. Die Tat hat da nichts mit der Nationalität zu tun.

Das ganze Interview gibt's hier.

Weitere streitbare Beispiele? Eine Meinung zur Berichterstattung zur Kölner Silvesternacht? Feedback? Gern jederzeit da hinterlassen: ⇓